Der blaue Tropfen

Verehrte Leserinnen und Leser,

lasst es euch gesagt sein: Die Berichterstattung von einem Filmfestival ist nicht so leicht. Es bleibt einfach kaum Zeit zum Texten zwischen den Filmen. Erst recht nicht, wenn man von einem Film (in dem Fall tatsächlich, wie es der Slogan verspricht) völlig vom Sitz gekloppt wird. Zunächst mal braucht man eine Weile, bevor man mit seinem Kopf – und dem Rest, der da ja im Idealfall auch noch dran hängt – wieder in die Realität auftauchen kann. Wenn man das geschafft hat, dauert es eine weitere Weile, bis man überhaupt wieder in der Lage ist, mit seinen Gedanken Worte zu formen. Und eine dritte Weile dauert es, bis diese Worte auch nur entfernt etwas mit dem zu tun haben, was man gerade gesehen hat. Schließlich will man einem Film, der einen einmal auf links gedreht hat, auch gerecht werden – weswegen man seine Worte weise und mit Bedacht wählen möchte. Das braucht Zeit. Zeit, die man nicht hat, wenn in 20 Minuten bereits der nächste Film beginnt, den man sehen will/muss/sollte, und man noch einen 15-minütigen Fußweg zurücklegen muss, weil der betreffende Film in einer anderen Spielstätte läuft.

Ich habe in den vergangenen fünf Tagen alles versucht, um eine möglichst live-e und zeitnahe Berichterstattung zu erbringen – und bin gescheitert. Säße mir ein Redakteur im Nacken, der ein bestimmtes Interview oder eine Filmkritik in 15 Minuten in seinem Posteingang haben will, wäre es vielleicht anders gelaufen. Aber ich bin hier mein eigener Redakteur und ich habe entschieden, ich erlaube mir etwas mehr Zeit als in 15 Minuten. Ich kann noch nicht über Bag Boy Lover Boy, die Shorts am Sonntag, Helicopter Mom oder die Closing Night Gala und das dazugehörige Screening von Jack schreiben, weil mich der Samurai noch nicht hat gehen lassen. Ich sitze immer noch auf meinem Stuhl im theater hof/19 (obwohl die roten Sessel im Staatstheater doch deutlich bequemer sind?) und komme nicht los. Der blaue Tropfen Farbe hat mich mit seinen im Wasser ausflammenden Armen umfangen und hält mich, immer noch – sanft, aber entschlossen – fest. Und solange das so ist, erlaube ich mir, mich dem auch hinzugeben und die Worte zu den anderen Filmen erst dann zu suchen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. – Genauso, wie ich mir jetzt auch einfach mal erlaube, das nun genau so hier stehen zu lassen – obwohl es so bis zum Erbrechen esoterisch klingt.

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