Jobsuche

Jobsuche kann zermürbend sein. Existenzangst auch. Nicht selten gibt es gerade Tage, an denen ich mir wünschte, doch nur etwas Vernünftiges gelernt zu haben. Reisekauffrau, oder Stewardess vielleicht.

Meine potentiellen Kinder jedenfalls dürfen gar nicht studieren. Die MÜSSEN eine Ausbildung machen, was Odentliches sollen die lernen. Andernfalls werden sie enterbt (und bekommen somit nichts von den Reichtümern, die man durch Hartz IV anhäufen kann). Außerdem werden sie schon mit drei Jahren dazu gezwungen, ein Instrument zu lernen und in der Schule müssen sie alle AGs besuchen, die es gibt. Mit zehn muss jeder schon mindestens zwei Kurzgeschichten veröffentlicht und mit wahlweise drei der eigenen Zeichnungen oder Fotografien in einer Ausstellung vertreten sein, unabhängig davon, ob das für ihre spätere Berufswahl relevant ist, oder nicht.

An spätestens ihrem 16 Geburtstag müssen sie mir einen detaillierten Lebensentwurf einreichen, in dem sie genau formulieren, was sie werden und wie sie das erreichen wollen, mit 17 machen sie ein Jahr im Ausland und mit 18, am Tag des Abiballs, nehmen sie nicht nur ihr Zeugnis mit 0,5er Durchschnitt entgegen, sondern unterschreiben auch ihren Ausbildungsvertrag, sowie den Mietvertrag für ihre erste eigene Wohnung. Ansonsten werden sie unmittelbar am nächsten Morgen auf die Straße gesetzt und ihnen wird der Geldhahn zugedreht. Dann werden sie schon selbst auf die Idee kommen, dass sie einen ordentlichen Job brauchen. Den werden sie dann eine Woche nach dem Rauswurf auch vorweisen können, während sie mich im Hartz IV Heim für gescheiterte Existenzen zum versöhnlichen Kaffeetrinken besuchen, in das ich dann eingezogen bin, weil mein Mann – den ich gerade noch unter den letzten Atemzügen meiner zusehends verblassenden Jugend in eine Ehe locken konnte, damit er als der Breadwinner mich zumindest auf dem Papier vor dem finanziellen Ruin bewahrt – die Scheidung eingereicht hat. Zwei Wochen später sterbe ich dann einsam und allein vor Scham, mein Leben dermaßen in den Sand gesetzt zu haben, und nachdem meine Kinder dann die Schulden für meine Beerdigung von ihren 300€ Gehalt im ersten Ausbildungsjahr abgestottert haben, sind sie endlich frei und wir können alle endgültig Frieden finden.